Negative Zinsen und der „gesunde Menschenverstand“

In Zeiten von negativen Zinssätzen stoßen viele Menschen an ihre Verständnisgrenzen. So finden sich in den Medien zahlreiche Artikel wie dieser der ARD, die negativen Zinssätzen die Rationalität entziehen und sie ableistisch in den Bereich von Krankheiten oder psychischen Störungen verschieben.

Was tun mit meinem Geld?
Mal angenommen, wir wären in der wohlhabenden Position, über eine Million Euro entscheiden zu können. Wir sehen uns auf dem Finanzmarkt um und stellen fest, dass wir für unser Vermögen nur negative Zinssätze erwirtschaften können: wir müssen also jemandem Geld geben, damit er unser Geld annimmt.

Zunächst liegt hier der Gedanke nah, dass wir das Geld dann lieber Zuhause in der Bettmatratze horten. Dort gibt es keine negativen Zinsen und damit ist unsere Geldanlage (oder in diesem Fall besser -unterlage) sicher. Doch halt! Ist sie dort wirklich sicher?

Gefahren lauern überall
Es bedarf nicht viel Vorstellungskraft um sich zu überlegen, dass die Anlage von Geld in der Bettmatratze einigen Unwägbarkeiten ausgeliefert ist. Wir erinnern uns an den Fall der Tochter, die die Matratze ihrer Mutter samt Erspartem ungefragt entsorgte, um der Mutter als Überraschung eine neue Matratze zu schenken. Ebenso kann es jederzeit zu einem Hausbrand oder einem Wasserschaden in der Wohnung kommen. Sollte sich der eigene Reichtum nicht völlig verstecken lassen, muss man zusätzlich immer mit gewaltsamen Entwendungsversuchen seitens neidischer Menschen rechnen. So hatte sich beispielsweise ein Quizshow-Gewinner in den 80ern einen Großteil seines 100.000 Dollar Gewinns in 1-Dollar-Scheinen auszahlen lassen, um nach einem auswärtigen Weihnachtsessen festzustellen, dass in der Zwischenzeit jemand sein Wohnzimmer geplündert hatte. Nun kann man argumentieren, das sei dann halt Pech, aber was hat das alles mit negativen Zinsen zu tun?

Wenn wir uns einmal von unserer subjektiven Vorstellung des Einzelfalls lösen und den Gedankengang abstrahieren, so besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass unser verstecktes Geld im Falle eines Falles plötzlich verschwunden ist. Schwerer wiegt noch die Tatsache, dass hierbei nicht nur ein Teil des Geldes fort ist, sondern meist dann auch das gesamte eingesetzte Vermögen. Es entsteht ein Totalverlust. Wir können nun abschätzen, dass dieser Totalverlust mit einer Wahrscheinlichkeit von (aus der Luft geholten) 1% pro Jahr eintritt. Statistisch gesehen hat dann ein Mensch, der zum Matratzentresor greift, bei einer Million Euro Einsatz noch 990.000 Euro übrig. Er hat also, statistisch gesehen, 10.000 Euro verloren. Wir erhalten damit unter den obigen Annahmen eine negative Anlagerendite von 1,0%. Die Matratze erwirtschaftet also negative Zinsen.

Versteckte negative Zinsen gibt es schon lang
Um unser Geld zu schützen, könnten wir nun einige Vorkehrungen treffen. Wir könnten es in einen Tresor stecken oder von einer Person bewachen lassen. Hiermit lässt sich der Verlust zwar nicht ausschließen, aber das Risiko verkleinern. Leider müssen wir beide Dinge bezahlen, so dass wir bereits in der Investition einen Rückgang unseres Vermögens verzeichnen und damit in eine negative Rendite rutschen.

Wir bringen unser Geld also zu einer Bank. Hier haben wir nicht nur einen Vertrag mit der Bank, dass sie uns bei Verlust des Geldes ihrerseits trotzdem unsere Ersparnisse auszahlen muss, sondern wir können dank diverser privater und staatlicher Einlagensicherungssysteme bei Insolvenz des Geldinstitutes in Deutschland unser Risiko des Totalverlustes minimieren. Die Bank gibt uns hierbei als Ausgleich Zinsen. Wir erhalten also in der Regel Geld, um Geld zu verleihen und geben gleichzeitig unser Risiko der Geldaufbewahrung weiter. Für die Bank ist es meist ein Gewinngeschäft, weil sie ihrerseits das Geld in einem weit höheren Umfang auf längere Zeit verleihen kann und damit noch mehr Zinsen verdient.

Die Zinssätze sind seit der Finanzkrise rapide gesunken. Auf einem normalen Girokonto findet man heute höchstens noch Zinssätze um 0,1% oder auch gar keine Zinsen mehr. Auf der anderen Seite verlangt die Bank für die Bearbeitung des Kontos regelmäßige Gebühren. Sind die absoluten Gebühren höher als der relative Zinssatz zum Vermögen, so stellt sich im Laufe der Zeit ebenso eine negative Rendite ein. Faktisch gibt es deswegen bereits seit längerem „negative Zinsen“, sie sind nur in Gebühren und Jahresentgelten versteckt, weil Geldinstitute wissen, dass dies den meisten Menschen weniger auffällt.

Sind negative Zinssätze also irrational?
Nein, ganz im Gegenteil. Zinssätze sind immer relative Größen im Rahmen einer Zinslandschaft. Wenn Geldinstitute für angelegtes Geld keine Zinsen mehr erhalten, so werden sie negative Zinsen an ihre Anleger*innen weitergeben, denn Geldinstitute leben zu einem großen Teil von der Differenz der Zinssätze. Die Anleger*innen selbst haben ebenso wenig Hoffnung, ihr Geld unter besseren Konditionen loszuwerden. Der Matratzentresor birgt ebenso Risiken wie die Anlage in fragwürdige Firmen. Im Allgemeinen gilt: wer seine Zinsen (oder seine Rendite) erhöhen will, der nimmt ein höheres Risiko in Kauf.

Hier zeigen sich die Grenzen der menschlichen Intuition, die gern unter „der gesunde Menschenverstand“ zusammengefasst wird. Die meisten Menschen sind in den letzten 50 Jahren in einem Zinsumfeld aufgewachsen, das sich in Deutschland nie mit Negativzinsen beschäftigen musste. Für viele gelten deswegen Negativzinsen intuitiv als unnatürlich und als schlecht. Ein Denkprozess, der auch in anderen Gebieten angewandt wird und spätestens dann gefährlich wird, wenn er andere Personengruppen betrifft. Dabei sind negative Zinssätze in anderen Ländern durchaus nicht unüblich.

Ist nicht eher das Versprechen auf stetig hohe Zinssätze gefährlich?
Problematisch ist der niedrige Zinssatz in erster Linie für alle Versprechen und Verträge, deren Leistung auf feste Zinssätze aufbauen. Hierunter fallen unter anderem Lebensversicherungen, Rentensysteme, Anlageprodukte und langjährige Kredite. Dieses Problem verlagert sich aber nur, wenn die Zinssätze irgendwann wieder erheblich steigen. Grundsätzlich sind Zinsschwankungen gefährlicher als ein bestimmtes Zinsniveau, denn den Menschen wird durch Verträge mit festen Zinssätzen ein trügerischeres Sicherheitsgefühl vermittelt, was schnell von der Realität überholt werden kann.

Wenn Größen in Politik und Wirtschaft von negativem Zinssätzen als „Grab des ehrlichen Sparers“ reden, dann sind sie nicht ganz ehrlich. Das Grab des Sparers sind nicht die Zinsschwankungen, sondern das Sicherheitsversprechen von Politik und Wirtschaft, man könne sich auf ein bestimmtes Zinsniveau verlassen und damit sein Leben bis in die Rente verplanen. Auch dieser Ansatz ist ein Risikogeschäft und ist in den letzten Jahrzehnten immer aufgegangen. Die neue Zinslandschaft stellt allerdings das Anlageprodukt Kapitalrente ebenso in Frage wie die Demographie das Anlageprodukt Rentengenerationsvertrag in Frage stellt.

Diese Ausführungen sollen die Finanzbranche nicht von ihrer Verantwortung für die Finanzkrise freisprechen. Allerdings ist es ebenso gefährlich den Menschen zu erzählen, ihre Geldanlagen und Renten seien sicher, weil man sich auf das Eintreten eines bestimmten Zinsszenarios verlässt. Ehrlicher wäre es sich einzugestehen, dass der Wunsch nach ewig hohen Zinsensätzen in der Realität irgendwann begraben werden muss. Die Finanzkrise war ein möglicher Auslöser, doch andere Auslöser wartet irgendwann hinter der nächsten Ecke.

2 Kommentare zu Negative Zinsen und der „gesunde Menschenverstand“

  1. Schön zusammen gefasst, danke.

  2. Carmilla DeWinter // 5. Juni 2016 um 23:13 // Antwort

    Gute Erklärung. Ich fand das mit den Negativzinsen zwar nicht unlogisch, aber jetzt kann ich erklären, warum.

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