Wird es Zeit für einen neuen Vornamen?

Marcel. Ja, das ist mein Vorname. Die meisten Leserinnen dieses Blogs werden mich eher unter Mandelbrötchen kennen, denn so nenne ich mich in sozialen Netzwerken. Es ist nicht ganz zufällig, dass die ersten beiden Buchstaben der Namen identisch sind. Nun ist der Name Marcel allerdings weit bürgerlicher und eben auch mein gesetzlicher Vorname.

Marcel. Es mag manch Menschen überraschen, doch so einige Personen haben Probleme mit der Aussprache des Namens. Insbesondere bei älteren Menschen wird aus dem Namen schon mal ein „Marsel“ (ähnlich wie Basel) oder gar ein hartes „Marzell“. Marzell ist allerdings ein Ort in Baden-Württemberg und hat nur wenig mit mir zu tun.

Marcel ist ein männlicher Vorname und stammt vom Vornamen Marcellus ab, der unter Päpsten und Heiligen sehr beliebt war. Nun bin ich weder kirchengläubig noch männlich. Wie bei den meisten Menschen, die in Deutschland geboren sind, wurde mir der Name von Personen gegeben, die mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennen konnten.

Nach 35 Jahre mit dem Namen Marcel frage ich mich, ob es nicht mal Zeit für eine Neubenennung des Objektes ist, das Menschen in meinem Wesen sehen.

Namen sind Schall und Bytes
Menschen nutzen viele Namen, die von dem Umfeld und der Privatsphäre abhängen, in der sie sich gerade befinden. Einige Namen sind dabei selbstgewählt und andere fremdbestimmt. Neben Kose-, Spitz- und Künstlernamen erlangen in der Internetgeneration auch Pseudonyme im Privatgebrauch eine immer stärkere Bedeutung. Im beruflichen und distanzierten Kontext wird meist ausschließlich auf den Nachnamen zurückgegriffen.

Die unterschiedlichen Namen haben teilweise nicht nur die Bedeutung, das soziale Umfeld in Unterkategorien einzuteilen, sondern können auch unterschiedliche Umgangsformen festlegen. So kann die Verwendung des gesetzlichen Namens statt einer Namensverkürzung von der Partner*in signalisieren, dass nun ein ernstes Metagespräch geführt werden möchte; also der Wunsch besteht, den üblichen Sozialrahmen des Kosenamens zu verlassen.

Ich bin transmarcel
Ich bin mehr oder weniger bekanntlich trans(gender), genauer gesagt agender. Das bedeutet, dass ich keine Geschlechtsidentität besitze und mich z.B. weder als männlich noch als weiblich sehe. Ich sehe mich allerdings auch nicht als irgendwas dazwischen oder gar als Neutrum. Ich kann mit dem ganzen Konzept Geschlechtsidentität nicht viel anfangen (vergleiche wtfgender) und sehe es eher als unerwünschte Eingrenzung meiner Freiheit als Mensch durch die Gesellschaft.

Tatsächlich ist mir mein Vorname zunächst egal. Ich nutze ihn nicht als Selbstbezeichnung. Ich fühle mich auch nicht mit anderen Marcels identitär verbunden. In meinem praktischen Leben spielt mein Vorname so gut wie keine Rolle, da ich zu 90% durch das Internet kommuniziere und dort auf meinen Brotnamen zurückgreife. Viele Menschen in meinem direkten Umfeld nennen mich mittlerweile Brötchen, weil sie nie mit meinem gesetzlichen Vornamen in Kontakt getreten sind. Menschen, mit denen ich nur beruflich oder indirekt zu tun habe, nennen mich nur beim Nachnamen.

Ich habe aktuell kein Bestreben meinen Vornamen gesetzlich ändern zu lassen. In Deutschland sind der Namensänderung einige Hürden auferlegt. Doch Gesetze kommen erst ins Spiel, wenn ein Recht eingefordert oder ein Unrecht beseitigt werden möchte. Mir geht es nicht darum, andere aufzufordern, einen anderen Namen zu nutzen, sondern einen neuen Namen in neuen Sozialstrukturen anzubieten.

Warum also überhaupt die ganzen Überlegungen? Die Kurzfassung ist: weil ich es kann. Die zugehörige Frage lautet: warum nicht? Das Leben besteht aus vielen Strukturen und Prozessen, die gelebt werden, weil sie sich in der Gesellschaft eingebürgert haben. Sinnhaftigkeit und Aktualität werden selten hinterfragt. Mein Vorname existiert, weil er mir gegeben wurde. Hätte ich diesen Vornamen gewählt, wenn ich vor die Wahl gestellt worden wäre? Vermutlich nicht. Warum also nicht mal den Vornamen wechseln, wenn ich doch jederzeit die Möglichkeit dazu habe? Im Internet mache ich es doch seit Jahren genauso.

Welcher Vorname sollte es denn sein?
Die Wahl eines neuen Vornamens ist nicht so einfach. Natürlich könnte ich mich auf einer Party mit dem Namen Mandelbrötchen vorstellen; und gelegentlich mache ich das auch. Doch ist dies jenseits der Netzgeneration kein sonderlich akzeptierter Name. Wenn ich also einen traditionell bürgerlichen Namen wählen müsste: welcher würde es sein?

Als trans Mensch zieht es mich schon in Richtung geschlechtsneutraler Namen. Die sind für mich zwar ebenso nicht passend, aber immer noch passender als ein typisch männlicher oder weiblicher Vorname. Natürlich gibt es im Internet zahlreiche Seiten mit einer Auflistung von geschlechtsneutralen Namen. Doch nach welchen Kriterien wähle ich einen neuen Namen? Soll er „nur“ gut klingen? Möchte ich mit der Bedeutung des Namens etwas ausdrücken? Möchte ich in alphabetischen Auflistungen möglichst weit vorne stehen? Bevorzuge ich eine bestimmte Sprachvariante?

Ich bin ja ein Islandfan, verbringe möglichst viel freie Zeit dort und lerne die isländische Sprache. Ich könnte meine Wertschätzung durch die Wahl eines isländischen Vornamens ausdrücken. Allerdings sind die Vornamensgesetze in Island noch strenger als in Deutschland. Vornamen müssen ihr Geschlecht klar erkennen lassen und werden über Whitelists gewählt. Es gibt also Listen, in denen alle erlaubten Vornamen für Männer und Frauen vermerkt sind. Das führt dazu, dass ich bisher keine geschlechtsneutralen isländischen Vornamen gefunden habe. Viele isländische Vornamen besitzen zusätzlich Schreib- und Sprechweisen, die kaum oder gar nicht über ungeübte deutsche Zungen gleiten. Im Zweifel würden Menschen dann wieder Wege suchen, um den Namen zu umgehen.

Natürlich gibt es auch im Isländischen Vornamen, die für Deutschsprechende gut aussprechbar sind. Ein Beispiel wäre hier Mara. Der Name Mara hat gleich mehrere Vorteile. Mara ist zwar im Isländischen ein Frauenname, wird aber im skandinavischen Raum auch als Männername genutzt. Mara teilt mit Marcel und Mandelbrötchen die gleichen Anfangsbuchstaben. Mara ist in der Elder Scrolls Reihe die Göttin der Liebe (urgs). Die Frau von Luke Skywalker in Star Wars hieß Mara (Doppelurgs). Allerdings ist Mara auch ein weltweit gebräuchlicher Name. Aus dem Hebräischen angelehnt, wird er schon im Alten Testament der Bibel genutzt. Eine Frau namens Noomi (die Liebliche) ändert nach dem Verlust ihrer gesamten Familie ihren Namen in Mara (die Bittere). So hängt am Namen Mara letztlich zu viel (weibliche) Weltgeschichte, um als isländischer Name erkennbar zu sein.

So suche ich also weiter. Ich kenne einige trans Menschen in meinem Umfeld, die sich bereits über Namensänderungen Gedanken gemacht haben und fündig wurden. Auch ihre Findungsgeschichte würde mich interessieren. Habt ihr tolle Vorschläge für Vornamen oder habt ihr euch schon mal Gedanken über einen neuen Namen gemacht? Schreibt es mir. Gerne auch per Mail!

2 Kommentare zu Wird es Zeit für einen neuen Vornamen?

  1. Wie wäre es mit einer Eigenkreation? Oder eine gefällige Bezeichnung für etwas in einer anderen Sprache, die nicht oder noch nicht als Namen für Individuen benutzt wird? Vielleicht bietet sich hier sogar etwas auf isländisch an, was man vorerst z.B. als Pseudonym benutzen könnte.
    Ich konnte nicht herauslesen, wie ernst dir dieses Thema nun genau ist, jedoch finde ich gut, dass man seinen bürgerlichen Namen nicht einfach mal so wechseln kann, wie es beim Auswählen von Netzidentitäten der Fall ist. Mein Vorname ist Sascha und ich würde mich selbst so nicht unbedingt nennen wollen. Wenn ich einen neuen Vornamen für mich wählte, sollte dieser mir in erster Linie natürlich gefallen und meinem Selbstverständnis bzw. meiner eigenen Identität entsprechen und dauerhaft sein. Am besten für den Rest des Lebens.

  2. Ich weiß gar nicht, ob du meine nicht-trans-Namensänderungsstory kennst. Falls nicht, steht sie hier: http://fructusdulces.blogsport.de/2014/02/13/der-name-ists-der-menschen-zieret/

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  1. Einige Hinweise für Journalist*innen | AktivistA

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