Warum ich meine Arbeitszeitreduzierung nicht bereue

Hinweis: Dieser Text ist voller Privilegien. Er richtet sich an Menschen, die den Luxus haben, einen sicheren Arbeitsplatz unter Vollzeit zu besitzen. Weiterhin verdienen sie dabei so viel Geld und haben so wenig finanzielle Verpflichtungen, dass eine Arbeitszeitverkürzung für sie in Frage kommt.

Einleitung

Vor rund sechs Monaten habe ich bei meinem Arbeitgeber eine Arbeitszeitverkürzung auf 80% meiner bisherigen Vollzeitstelle erwirkt. In der Praxis bedeutet dies, dass ich seitdem den berüchtigten Montag als zusätzlichen freien Tag verbuchen kann.

Arbeitszeitverkürzungen sind insbesondere unter jungen Arbeitnehmer*innen wenig verbreitet. Viele jungen Kräfte können auf dem heutigen Arbeitsmarkt froh sein, wenn sie eine unbefristete Arbeitsstelle als Vollzeitkraft finden. Weiterhin stecken sie voller Tatendrang und möchten sich häufig einen guten Platz in ihrem Unternehmen sichern. Sprich: sie möchten Karriere und sich einen Namen machen. Körperliche und psychische Probleme wegen langjähriger zu hoher Arbeitsbelastung sind meist noch nicht auf ihrem Horizont.

Nun bin ich nicht mehr ganz so jung und habe mit 35 Jahren als Akademiker schon rund 10 Jahre Berufserfahrung. Ich war in dieser Zeit bei drei Arbeitgeberinnen angestellt. Die ersten Jobs waren dabei noch vergleichsweise angenehm, doch mit der Erfahrung kommen verantwortungsvollere Aufgaben und neue Positionen – der Arbeitsstress steigt. Ich arbeite nun in einem Kreditinstitut und bin als Mathematiker für betriebswirtschaftliche Berechnungen verantwortlich. Ich leite Arbeitsgruppen, betreue Auszubildende und hantiere täglich mit Milliardensummen. Es dauerte nicht lange, dass ich diese täglichen Belastungen in Geist und Körper spürte. Für mich war klar: das geht nicht mehr lange gut. Entweder ich werde krank, kündige den Job oder versuche anderweitig, meine Belastung zu verringern. Die Idee der Arbeitszeitverkürzung war geboren.

Viele Menschen scheuen den Schritt einer Arbeitszeitverkürzung. Finanzielle Einschnitte, eine vermeintliche Blöße vor Kolleg*innen, die Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes: es gibt viele Gründe, die solch einen Schritt gut zu überdenken. Doch welche Bedenken sind wirklich angebracht und schlüssig?

80% Arbeit heißt 20% weniger Geld

Nein. In der freien Wirtschaft ist das Gehalt verhandelbar. Je nach persönlicher Situation kann eine Arbeitszeitverkürzung mit wenig bis keinen finanziellen Einschnitten durch die Verhandlungen gebracht werden. Je unabdingbarer man im Job ist, desto eher lassen Arbeitgeber mit sich reden. Wenn ohnehin Gehaltsverhandlungen anstehen: warum nicht statt dessen Arbeitszeitverhandlungen bei gleichem Gehalt?

Selbst bei einer Reduzierung des Bruttogehalts auf 80% bedeutet dies natürlich nicht, dass das fehlende Geld vom Konto abgezogen wird. Der Nettoabzug ist je nach Gehaltsklasse wesentlich geringer; dem deutschen Steuersystem sei Dank. Eine Beispielrechnung zeigt: bei einem monatlichen Bruttogehalt von 2000 Euro (Single, Steuerklasse I, keine Kinder, gesetzlich versichert) werden bei Reduzierung auf 80% statt 400 Euro nur zirka 216 Euro abgezogen. Im Vergleich zum bisherigen Nettogehalt macht das einen neuen Nettoverdienst von 84,1% des alten Verdienstes. Dieses Verhältnis ändert sich auch nicht entscheidend bei höherem Grundverdienst. Selbst bei 6000 Euro Monatsgehalt liegt der neue Nettoverdienst bei 83,6% des alten Verdiensts. Grund ist hier, dass zwar mehr Lohnsteuer eingespart wird, aber immer noch gleiche Krankenversicherungsbeiträge (Bemessungsobergrenze) gezahlt werden müssen. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass man sich den geringeren Unterschiedsbetrag durch weniger Einzahlungen in Rentenkasse und Arbeitslosenversicherung erkauft. Dies hat natürlich Auswirkungen auf die späteren Rentenzahlungen und ebenso auf die Zahlungen des Arbeitslosengeld I.

Zwischenfazit: Der finanzielle Verlust einer Reduzierung der Arbeitszeit auf 80% liegt je nach Verhandlungsgeschick zwischen 0% und zirka 15%, aber keinesfalls bei 20%.

80% Arbeit heißt 20% mehr Freizeit

Definitiv falsch. Die Ermittlung der gewonnenen Freizeit lässt sich schwierig berechnen, denn es hängt von der Definition von Freizeit hat. In der Theorie hat der Tag 24 Stunden. Wenn wir 8 Stunden Schlaf und 8 Stunden Arbeit pro Tag anrechnen, kommen wir auf 8 Stunden Freizeit. Das sind 50% Arbeit und 50% Freizeit. Zusätzlich arbeiten die meisten Arbeitnehmer*innen nur 5 von 7 Wochentagen. Also haben wir doch massig Freizeit!

Leider hat Arbeit ein paar Randeffekte. Das fängt bereits bei der Anfahrt an. Die wenigsten Menschen sind binnen 5 Minuten bei ihrem Arbeitgeber. Mit Hin- und Rückfahrt kann man je nach persönlicher Situation durchaus von 1-2 Stunden pro Tag ausgehen, die von der Freizeit abgezogen werden. Zusätzlich sind Arbeitnehmer*innen zu einer gesetzlichen Mittagspause verpflichtet. Auch wenn in dieser Mittagspause nicht gearbeitet wird, so werden die wenigsten Menschen diese Zeit als qualitativ gleichbedeutend zu Freizeit verbuchen. Rechnet man die Zeiten zusammen, kommt man schnell auf 10-11 Stunden an täglicher Zeit, die ohne Überstunden für die Arbeitgeberin geleistet werden.

Rein subjektiv würden viele Menschen zustimmen, dass sie innerhalb der Woche kaum zu Freizeitaktivitäten kommen. Nach der Arbeit sind sie so ausgelaugt und erschöpft, dass sie sich vielleicht noch der Hausarbeit widmen und abends auf der Couch einen Film schauen. Das liegt daran, dass Arbeit nicht nur Zeit frisst, sondern bei viel Stress auch viel Energie. Und der Energiehaushalt eines Menschen ist begrenzt. Als wirkliche Freizeit wird deswegen meist nur das Wochenende gezählt.

Zwischenfazit: Bei einer 80% Stelle mit einem freien Tag Montag oder Freitag verlängert sich das Wochenende um ganze 50%. Die zusätzliche Erholungszeit führt mit der reduzierten Arbeitszeit zu einem erhöhten Energiehaushalt. Das 150% Wochenende kann also mit wesentlich mehr Tatendrang durchlebt werden.

80% Arbeit heißt nur 80% Sichtbarkeit im Job

Das kommt sicherlich auf den Job an. Als Mathematiker habe ich keine Fließbandaktivität, sondern teile mir meine Zeit eigenverantwortlich auf, um meine vordefinierten Projektziele zu erreichen. Früher in meiner 100% Arbeitsphase hatte ich an manchen Tagen so wenig Energie, dass ich sicherlich nicht produktiver war als jetzt mit einer 80% Stelle. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich mit einer 80% Stelle quantitativ oder qualitativ weniger Arbeit schaffe. Tatsächlich besitze ich mehr Energie und damit auch eine bessere Laune. Ich bin einfach effizienter.

Problematisch ist höchstens, dass ich durch meinen freien Tag für manch Besprechung nicht zur Verfügung stehe. In der Theorie verpasse ich 20% der wichtigen Termine und damit den Anschluss an meine Kolleg*innen. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass auch andere Menschen aus Termingründen Besprechungen verschieben. So konnte man sich bisher immer auf Ausweichtermine einigen. Sollte eine Verschiebung einmal nicht möglich sein, habe ich auch keine Schmerzen, meinen freien Tag mal von Montag auf Freitag zu verschieben oder einen Woche ausfallen zu lassen und als Gegenzug in der folgenden Woche Montag und Dienstag freizunehmen.

Zwischenfazit: Auch mit 80% Arbeitszeit erreiche ich zwischen 95% und 100% Sichtbarkeit. Zusätzlich bin ich in der Zeit wesentlich konzentrierter und besser gelaunt.

Fazit

Wenn ich meine persönlichen Erfahrungen mit meiner Arbeitszeitverkürzung auf 80% zusammenfasse, erhalte ich folgende Liste:

  • Ich verdiene rund 15% weniger.
  • Ich verbrauche nur noch 80% der bisherigen Energie für meine Arbeit.
  • Mein Wochenende hat sich um 50% verlängert.
  • Ich spare zusätzlich am freien Tag Anfahrten und Mittagspause in Wert von 2 Stunden.
  • Ich bin in Job und Freizeit konzentrierter und besser gelaunt.
  • Ich verpasse so gut wie keine Termine und bin so sichtbar wie zuvor.
  • Meine Gesundheitsstand hat sich deutlich gebessert.

Ich habe meine Arbeitszeitverkürzung nicht bereut. Tatsächlich habe ich so gute Erfahrungen gemacht, dass ich in meinem Leben keinen Vollzeitjob mehr annehmen möchte. Als Mensch ohne Familie und Verpflichtungen verzichte ich gern auf 15% Gehalt um 50% mehr Freizeit zu erhalten. Meine Gesundheit wird es mir langfristig danken.

Vielleicht helfen diese Zeilen der ein oder anderen Person, um sich einmal über das Undenkbare Gedanken zu machen. Sicherlich muss die persönliche Situation und das berufliche Umfeld mitspielen. Aber Vollzeitarbeitsplätze sind nicht in Stein gemeißelt. Insbesondere in Unternehmen, in denen Home-Office immer noch kein Einzug erhalten hat, kann eine Arbeitszeitverkürzung ein guter Weg zu einem gesünderen und angenehmeren Leben sein.

2 Kommentare zu Warum ich meine Arbeitszeitreduzierung nicht bereue

  1. Carmilla DeWinter // 10. September 2015 um 21:54 // Antwort

    Na, als ebenfalls Akademikerin konnte ich mir die 30-Stunden-Woche auch raussuchen, was ich auch getan habe, sobald es ging. Ich darf ja dank Serviceberuf gelegentlich auch Samstags arbeiten – habe also nur alle 2 Wochen ein ganzes Wochenende, und bei Vollzeitbeschäftigung hatte ich spätestens Donnerstags schlechte Laune. Dementsprechend habe ich also kein neues Auto und fahre nicht jedes Jahr weit weg in Urlaub, und wenn ich in Rente bin, werde ich auch keine Riesensprünge machen können, aber eh. Ich will gerne jetzt leben, nicht in fünfunddreißig Jahren.

  2. Ein sehr schöner Beitrag, der mir Mut macht, meine AZ zu reduzieren. Auch wenn ich nicht zu den Besserverdienern gehöre als Krankenschwester, so so doch zu den Vielarbeitern unter schlimmsten Bedingungen. Um nach 8 Tagen 2 Tage frei zubekommen, war schon ein nervenaufreibender Kampf! Dankeschön !
    Gut gemacht!

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