Eine Geschichte über Wasserwaagen und Kochfeldschaber

Als ich in meine derzeitige Wohnung einzog, spendete meine Familie mir zwei Werkzeuge: eine Wasserwaage und einen Kochfeldschaber. Ich legte beide Utensilien zunächst in eine Ecke des Flures, denn ich hatte mit dem Aufbau der Möbel und dem Auspacken der Umzugkartons erst mal genug zu tun.

Das ist nun knapp zwei Jahre her. In drei Monaten werden ich erneut umziehen. Wasserwaage und Kochfeldschaber habe ich nie genutzt. Tatsächlich liegen sie immer noch in der gleichen Ecke meiner Wohnung, in die ich sie vor zwei Jahren gelegt hatte. Unberührt. Ich habe sie nicht nur nie vermisst; mein Unbewusstsein hat sie visuell ausgeblendet. Bei jedem Aufräumen und jedem Putzen habe ich sie nicht wahrgenommen. Sie sind mir erst vor ein paar Tagen wieder aufgefallen, als ich begann, den nächsten Umzug zu planen.

Man könnte daraus folgern, dass ich kein sonderlich ordentlicher Mensch bin, doch das wäre nicht richtig. Richtig ist, dass ich mein Leben sehr fokussiert lebe. Dinge wie Wasserwaagen und Kochfeldschaber spielen in meinem Leben keine Rolle, also widme ich ihnen keine Aufmerksamkeit. Diese Fokussierung geht so weit, dass mein Gehirn solch für mich unwichtige Informationen gar nicht erst verarbeitet. Ich verliere damit einen Teil meiner Realitätswahrnehmung und ich benötige ein großes Maß an geistiger Anstrengung, wenn ich diesen Verlust in bestimmten Situationen wieder bewusst ausgleichen möchte.

Glücklicherweise spielen Wasserwaagen und Kochfeldschaber in meinem Alltag keine großen Rollen. Meine Leidenschaft gilt abstrakten Themen wie Wissenschaft und Kunst. Ich bin Mathematiker und Informatiker und arbeite in der Softwareentwicklung. Ich kann unbescheiden sagen, dass ich sehr gut in den Dingen bin, die ich beruflich tue. Wenn ich mich einmal in ein für mich anspruchsvolles Problem eingearbeitet habe, dann widme ich ihm meine ganze Aufmerksamkeit. Alltägliche Dinge wie Bürokratie und Lebensorganisation gehen dabei unter.

Ich habe in den letzten 15 Jahren eine Menge Probleme abgebaut, die mich an mir selbst störten. Ich habe mir fehlende Bildung jenseits meiner beruflichen Fachgebiete zugelegt. Ich habe meine Sozialkompetenz und meinen Umgang mit Menschen sehr verbessert. Ich kann meine Gedanken in Worte fassen, die auch andere verstehen und spontane Reden halten. Kurz: ich habe stetig daran gearbeitet, dass meine Fokussierung auf Teilgebiete der Realität keine zu großen Einschnitte in das Leben hat, welches ich mit anderen Menschen teilen muss.

Und trotzdem bleiben viele Probleme, die für andere Menschen Banalitäten sind. Ich kann zum Beispiel höchstens einmal pro Woche meinen Briefkasten öffnen, weil mich die immer neuen Rechnungen und bürokratischen Nichtigkeiten überfordern. Diese Aussage meine ich, wie sie da steht. Ich bin nicht genervt über meine Post und ich habe auch keine finanziellen Probleme, sondern mein Unbewusstsein weigert sich, mir die Erlaubnis zu geben, physisch den Briefkasten zu öffnen. Es sind damit keine Emotionen verbunden, sondern es ist eine stille Blockierung von Wahrnehmung und Handlung. Mein Unbewusstsein weiß, dass die Öffnung des Briefkastens nicht in meinem Interesse sein wird, also verhindert es die Aktion durch Wahrnehmungsverzerrung (der Briefkasten wird unsichtbar) oder Handlungsverweigerung. Ich wiederum weiß, dass mein Unbewusstsein dies tut, doch meist sitzt es am längeren Hebel.

Auch hier benötige ich sehr viel Energie, um dem entgegen zu treten. Ich versuche seit zwei Jahren meine überfälligen Steuererklärungen zu machen. Zahlreiche Mahnungen und Strafgelder helfen zur Motivation nicht. Regelmäßigkeit und langfristige Planung von Dingen, denen ich keine hohe Priorität einräume, sind für mich Vermeidungssituationen. Mein Bewusstsein befindet sich in einem stetigen Spannungsverhältnis zum Unbewusstsein. Ich habe dadurch sehr früh gelernt, mich selbst zu hinterfragen und mir bewusste Reflexionsmuster zuzulegen.

Ich kann diese Zeilen aus einem Privileg der Kontrolle schreiben. Ich habe genügend Ausbildung in Logik und Reflexion, um viele meiner Probleme selbst zu erkennen. Auch wenn ich sie im Detail nicht immer überwinden kann, so bleibt mir genug eigenverantwortlicher und finanzieller Spielraum, mein Leben um die Probleme herum zu navigieren, ohne dass es zu großen Einschnitten in meine Lebensqualität kommt. Dennoch ist es einigen Menschen schwer zu vermitteln, wie es ist, in stetiger bewusster Spannung zum eigenen Selbst zu stehen.

Menschen sind sehr komplexe Wesen und kämpfen als Individuen mit vielen Dingen, die anderen verborgen bleiben. Diese Geschichte hat kein Fazit, keine Moral und keine höhere Erkenntnis zu vermitteln. Sie soll einen kleinen Einblick in das Wesen eines Menschen ermöglichen – deswegen endet sie hier.

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