Warum „Hauptsache du liebst“ kein guter Slogan ist

Heute ist mir via soziale Medien dieses Foto zugetragen worden. Es handelt sich hierbei um ein Banner, welches während des Christopher Street Day in Stuttgart getragen wurde.  Dass es sich dabei um ein Banner der Piratenpartei handelt, sei hier mal als zufällig klassifiziert. Erfahrungsgemäß hätte es auch jede andere Partei oder NGO treffen können.

Auf dem ersten Blick könnte man sagen: schönes Banner, schöne Botschaft. Menschen setzen sich dafür ein, dass alle sexuellen Orientierungen gleichwertig akzeptiert werden. Alle? Nein, nicht ganz. Während sich der Anfang des Bannersatzes noch inkludierend liest, wird am Ende eine klare Wertung gefällt: „Hauptsache, du liebst!“

Unabhängig davon, ob dieses „lieben“ nun sexuelle oder romantische Anziehung beschreiben soll, blendet sie eine sexuelle Orientierung aus, die in der öffentlichen Wahrnehmung und in der Wissenschaft immer noch eine Außenseiterrolle einnimmt: die Asexualität. Wer mir auf Twitter folgt, wird eventuell schon festgestellt haben, dass ich mich als asexuell bezeichne und diese sexuelle Orientierung offen vertrete.

Nun ist Asexualität kein genau umrandeter Begriff. Es gibt asexuelle Homosexuelle, asexuelle Transsexuelle, aber auch asexuelle Menschen, die sich zu keinem Geschlecht hingezogen fühlen. Im Detail wird hier nochmal zwischen asexuell (verzicht auf den geschlechtlichen Akt) und aromantisch (Verzicht auf romantische Beziehungen) unterschieden. Grundsätzlich kann aber gesagt werden: es gibt asexuelle Menschen, die nicht lieben. Letztere Aussage steht damit im Widerspruch zur Aussage des Banners. Es gibt asexuelle Menschen, die nicht lieben – und das ist gut so. „Hauptsache du liebst“ ist eine Wertung einer sexuellen Mehrheit, die sich offenbar nicht vorstellen kann, dass man auch ohne Liebe ein gleichwertiges Leben führen kann.

Nun ist mir klar, dass die Teilnehmenden des Christopher Street Day und auch die entsprechenden Mitglieder der Piratenpartei nicht bewusst Asexuelle ausgrenzen möchten. Ich unterstelle jeder ernsthaften Teilnehmerin des CSD, dass sie sich für alle sexuellen Orientierungen einsetzen möchte. Hier ist letztlich nur etwas passiert, was ein Grundproblem aller Minderheiten zeigt: es bestand kein Bewusstsein darüber, dass diese Minderheit existiert bzw. sie wurde bei der Formulierung des Slogans vergessen.

Sichtbarmachung von Asexualität ist noch eine sehr große Arbeitsstelle. International hat sich hierzu das AVEN Netzwerk gegründet. Die deutsche Vertretung findet sich unter diesem Link. Der Verein AktivstA setzt sich in Deutschland explizit für die Sichtbarmachung von Asexualität ein. AktivistA war auf dem CSD in Karlsruhe vertreten und wird auch auf dem nächsten CSD in Mannheim zu finden sein. Wer Lust und Interesse hat, kann dort auch mit mir persönlich über das Thema reden. Ich würde mich freuen.

Literaturliste (Auszug)

  •  Boston Marriages: “Romantic But Asexual Relationships Among Contemporary Lesbians“, Verlag “University of Massachusetts Press“, ISBN 0870238760
  • Leather Spinsters and Their Degrees of Asexuality (E-Book), St.Mary Publishing Company of Houston, [http://order.kagi.com/cgi-bin/store.cgi?storeID=ARJ&& Kagi.com]
  • Asexuality: “prevalence and associated factors in a national probability sample“, Autor “Anthony F. Bogaert“, Journal of Sex Research, Ausgabe August 2004, [http://findarticles.com/p/articles/mi_m2372/is_3_41/ai_n6274004 hier online]
  • Just Friends: “The Social Distinction Between Sexual and Nonsexual Relationships“, Autoren “[[David Jay]], Prof. Mary Ann Clawson“, [http://www.asexuality.org/docs/Just_Friends_Draft_II.doc hier online]
  • Referat “Theorien der Sexualität: Asexualität“, Autoren “Roland Spitzlinger, Hermann Böhm“, [http://europa-mitte.pbwiki.com/f/Theorien%20der%20Sexualit%C3%A4t%20-%20Asexualit%C3%A4t.pdf hier online]
  • Asexuality: “A preliminary investigation“, Autoren “Nicole Prause, C. A. Graham“, Indiana University Bloomington, [http://www.asexuality.org/docs/SSSS_2003.ppt hier online]
  • Seminararbeit “Phänomen Asexualität“, (anonym), [http://www.asexuality.org/de/geschlechtsidentitaet.pdf hier online]
  • Asexuality: “Classification and Characterization“, Autoren “Nicole Prause, Cynthia A. Graham“, Archives of Sexual Behavior, Volume 36, Number 3 / June 2007, [http://www.springerlink.com/content/y1g68862317t1825/ hier online]
  • Toward a conceptual understanding of asexuality, Autor “Anthony F. Bogaert“ Review of General Psychology, Volume 10, Number 3 / 2006, [http://cat.inist.fr/?aModele=afficheN&cpsidt=18172400 hier online]
  • Out and Proud – “Willkommen in deiner neuen Welt“, Autor “Stephan Niederwieser“, Verlag “Bruno Gmünder“, ISBN 3861879948 (das Buch richtet sich an Schwule – behandelt aber auch andere Gruppen, wie eben Asexuelle)

7 Kommentare zu Warum „Hauptsache du liebst“ kein guter Slogan ist

  1. Sehr gut beobachtet und pointiert zur Sprache gebracht 🙂 Wir sehen uns in Mannheim 🙂

  2. Ich würde im Zusammenhang mit Asexualität/Aromantischsein nicht von “Verzicht” sprechen. Ein Verzicht impliziert eine Entscheidung, eine Orientierung ist keine Entscheidung.
    Was das Plakat betrifft, könnte man mit viel gutem Willen sagen, dass das “wie” asexuelle / aromantische Menschen mit einschließt und darauf anspielt, dass man auch auf nicht sexuelle und nicht romantische Weise (ein Beispiel hierfür wäre Liebe zu den eigenen Eltern oder Kindern) lieben kann. Wahrscheinlich ist aber, dass diejenigen, die den Slogan erdacht haben, Asexuelle tatsächlich vergessen haben.

    • Warnung: Threadnekromantie.
      Wer eine Orientierung hat, hat immer noch eine Entscheidungsmöglichkeit, nämlich: sich dieser Orientierung nicht zu beugen. Wenn man anfängt zu sagen, dass ein Mensch ja gar nicht anders könne als seinen ihm angeborenen Neigungen, Orientierungen, sonstigen genetischen Vorbestimmungen zu folgen, dann tut man zwei Dinge: 1. weite Teile des Gesetzes aushebeln. 2. Dem Menschen einen freien Willen absprechen. Auch ein asexueller Mensch kann sich mit Sicherheit dazu bringen sexuelle Handlungen an anderen vorzunehmen. Ob es ihm gefällt sei dabei dahin gestellt. Es ist aber keine grundsätzliche Unfähigkeit.
      Eine Orientierung ist keine Entscheidung, soweit, so gut. Aber eine Orientierung fordert eine Entscheidung: nämlich mit ihr zu leben oder gegen sie, manchmal zu ihr zu stehen oder immer, generell für die Rechte der Menschen mit dieser Orientierung einzutreten oder es nur im privaten für sich selbst zu tun und und und.
      Als Bisexuelle (die auf dem Transparent übrigens auch nicht explizit erwähnt werden, aber sicher mitgemeint sind 😉 ) wird mir andauernd unterstellt, ich sei hetero (da ich mit einem Mann zusammen lebe und wir ein gemeinsames Kind haben). Wenn sich dann im Gespräch für den anderen erschließt, dass ich auch schon mal mit Frauen zusammen war, kommt fast unweigerlich die Frage: Ja, kannst du denn dann „nur“ mit einem Mann zusammen sein? Woraufhin man dann vor der Entscheidung steht, demjenigen jetzt (man kennt den Text ja schon auswendig) zu erklären, dass bisexuell NICHT heißt, dass man beides zeitgleich haben muss oder nicht treu sein kann, oder einfach zu schocken („Was? Nein, ich schlafe regelmäßig mit Frauen, aber sag’s ihm nicht!“) oder einfach das Gesprächsthema zu wechseln („Sag mal findest du diesen dreiköpfigen Affen auf einer Schulter nicht irritierend?“). Ich habe dieses leidige Thema auch irgendwann mal verbloggt (da: http://zesyra.wordpress.com/2014/04/30/being-bisexual-in-a-homohetero-world-a-story-of-prejudices/).
      Aber ich muss gestehen: als ich zum ersten Mal einen asexuellen (und aromantischen) Menschen kennen lernte, war ich auch schockiert. Wie, kein Sex? Wie nicht einmal Romantik? Wat bis du n für einer? Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich die Volljährigkeit noch nicht erreicht hatte und im generellen mein Verständnis für die Belange anderer nicht sonderlich ausgeprägt war 😉 Es nachzuvollziehen fällt mir immer noch schwer, aber akzeptieren und annehmen kann ich es.
      Davon einmal abgesehen finde ich Formulierungen wie die auf dem Plakat immer fragwürdig – es ist nicht egal, wen, wie und wieviele man liebt. Es sollten auch alle Beteiligten mit dieser Liebe einverstanden sein. Und in der Lage dieses Einverständnis zu erklären. Unter der Voraussetzung ist dann jede Form von Liebe – ihre Abwesenheit eingeschlossen – okay.

  3. Carmilla DeWinter // 27. Juli 2014 um 11:41 // Antwort

    Wie Fiammetta schon sagt, wahrscheinlich haben sie uns vergessen, ja. Aber, der umgekehrte Fehler wird häufiger begangen: Nämlich Aromantik mit der grundsätzlichen Unfähigkeit zu Lieben zu verwechseln. Und den empfinde ich als eine wesentlich größere Beleidigung.

  4. IsAutonomous // 27. Juli 2014 um 15:42 // Antwort

    Jetzt will ich mal nachfragen. Asexualität ist mir ein Begriff und verstehe ihn so, dass man sich nicht sexuell zu anderen Menschen angezogen fühlt.

    Was ich aber nicht verstehe, ist die Kritik an dem Ausdruck „Hauptsache du liebst“.
    In meinem Verständnis kann Liebe etwas mit Sexualität zu tun haben, muss es aber nicht. Ich glaube, dass es sogar in dem innerern Wesen des Menschen liebt, zu lieben. Und wenn es die Selbstliebe ist. Wer bzw. was geliebt wird, ist aber ein anderes Thema.
    Gibt es Asexuelle, die nicht zu lieben im Stande sind? Gibt es überhaupt Menschen die nichts lieben?

    • Ich möchte die grundsätzliche Frage erst einmal ausblenden und darauf verweisen, dass dieses Banner zu einem konkreten Anlass getragen wurde: dem Christopher Street Day. Folglich muss man die Argumentation in diesem Kontext sehen. Das Banner geht ausdrücklich auf sexuelle Orientierung ein und nennt mit Homosexualität und Heterosexualität konkrete Beispiele. Innerhalb dieses Kontextes finde ich es deswegen nicht schlüssig, darauf zu verweisen, dass das Banner ja eigentlich „lieben“ im weitesten aller möglichen Sinne meinen könnte. Das tut es nicht. Es meint ganz konkret die sexuelle Orientierung, weil es zum Aktionstag für die Rechte von sexuellen Orientierungen getragen wurde. Alles andere müsste deutlicher kenntlich gemacht werden.

      Ob es nun Menschen gibt, die grundsätzlich nicht im Stande sind irgendwas zu lieben, kann ich nicht beantworten. Im Zweifel aber: ja.

  5. IsAutonomous // 27. Juli 2014 um 17:48 // Antwort

    Dass die auf dem Banner genannten Orientierungen den Sex mit einbeziehen, heißt für *mich* nicht, dass das „lieben“ auch nur unter dem Kontext zu sehen ist. Da hat aber jeder seinen eigenen Eindruck.
    Ich denke, bei solchen Bannern kommt auch das Twitter-Problem zum Tragen. Zu wenig Zeichen um es, unter allen Betrachtungsweisen eindeutig zu machen.

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