Politische Statements im öffentlichen Raum

Gleich vorweg: Ich bin Mathematiker, kein Kommunikations- oder Sprachwissenschaftler. Aber dennoch (oder gerade deswegen) möchte ich mich einmal kurz über ein Thema auslassen, welches mir in den letzten Wochen vermehrt begegnet ist: „(Politische) Statements im öffentlichen Raum“.

„Das habe ich doch gar nicht gesagt!“
Mensch kennt das: Wir verbringen den Großteil unseres Lebens unter Gleichdenkenden. Wir kennen uns, teilen gleiches Vokabular, die Kommunikation verläuft meist ohne größere Probleme. Plötzlich aber hält uns mal eine Journalistin ein Mikrofon vor den Mund. Wir beantworten eine Frage und denken uns nichts dabei. Am nächsten Morgen läuft unser Twitter-Account vor entrüsteten Mentions über. Zeitungen schreiben von radikalen Äußerungen, Menschen distanzieren sich. Wir sind uns keiner Schuld bewusst – fühlen uns mitunter sogar gemobbt. Was ist passiert?

Senderin-Botschaft-Empfängerinnen-Modell
Um das zu klären, führen wir ein kurzes Modell ein. Wir verallgemeinern hierzu das bekannte Senderin-Empfängerin-Modell ein wenig, damit es besser in die Welt des Web 2.0 passt.

Jede Kommunikation enthält die drei Objekte Senderin, Botschaft und Empfängerinnen. Die Twitterinnen oder Mailschreiberinnen unter uns kennen das: Da gibt es die Person, die etwas schreibt. Dazu kommt die Botschaft in Form eines Tweets oder einer Mail, die unabhängig von der Senderin weitergereicht werden kann. Und dann gibt es eine Vielzahl von Empfängerinnen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die Senderin überhaupt nicht kennen, aber die Botschaft lesen.

Sprache als Codierungsmedium
Menschen kommunizieren über viele Wege. Im Netz tun sie dies insbesondere über Schriftsprache. Nun ist Sprache eine komplizierte Sache. Worte sind je nach Herkunft, Ausbildung und sozialem Umgang der Sprachbenutzerinnen stark unterschiedlich belegt. Sie sind häufig mehrdeutig, nicht klar umrissen, kontextabhängig, bilderzeugend und zu allem Überfluss auch noch schöpferisch. Für einen Mathematiker eine schlimme Sache!

Das Missverständnis ist vorprogrammiert
Wenn wir uns keine Gedanken darüber machen und „einfach sagen, was wir denken“, laufen wir grob fahrlässig in Kommunikationsprobleme. Fallen lauern hierbei sowohl bei der Transformation zwischen Senderin und Botschaft als auch zwischen Botschaft und Empfängerinnen. Manchmal sind wir nicht fähig, Begriffe und Prozesse so in Sprache zu gießen, wie wir sie gerne weitergeben würden. Manchmal denken wir nicht daran, dass die Botschaft losgelöst von unserem Wesen eine eigene Aussage mit sich führt. Und manchmal kümmern wir uns nicht darum, wie diese Botschaft bei den Empfängerinnen ankommen wird.

Der Rückzug auf Definitionen, Aussagenlogik und Komplexe der Empfängerinnen
Das Muster bei Kommunikationsproblemen ist häufig ähnlich. Die Senderin fühlt sich missverstanden. Sie liefert Definitionen für das, was sie „wirklich gesagt hat“. Dabei wird meist übersehen, dass diese Definitionen (außerhalb einer kleinen Gruppe) nicht allgemeiner Konsens sind. Hier liegt das Problem also schon bei der Transformation zwischen Senderin und Botschaft.

Gerne bemüht mensch auch die Aussagenlogik. Die Senderin reduziert eine Botschaft auf ihr logisches Fundament. Aus einem „Männliche Wesen haben keine Emotionen“ wird gefolgert, dass damit auch männliche Tiere gemeint sein könnten und die Botschaft deswegen nicht diskriminierend gegenüber Männern sei. Nun ist Sprache aber kein rein logisches Konstrukt und vermittelt immer mehr als eine einzelne Aussage.

Abschließend zieht sich die Senderin gerne darauf zurück, dass die Empfängerinnen einer Nachricht zu sensibel seien. Wer sich diskriminiert fühle, sei selbst schuld, denn es sei ja schließlich keine Absicht gewesen. Dahinter steckt der Gedanke, dass eine Tat nur dann verwerflich sei, wenn sie mit Vorsatz begangen worden ist. Jedoch gibt es auch in der Rechtsprechung die Haftbarkeit bei grober Fahrlässigkeit. Worte sind nun mal das wichtigste Werkzeug der Politikerin. Wer sich nicht zumindest bemüht, Missverständnisse auszuschließen, handelt grob fahrlässig und fügt der eigenen Partei Schaden zu.

Die Angst vor dem Politikersprech
„Aber ich möchte keine inhaltsleeren Phrasen wiedergeben!“ – das ist löblich, hat aber nichts mit dem Thema zu tun. Es geht nicht darum, nichts zu sagen oder sich vor klaren Aussagen zu drücken. Es geht darum, bei politischen Aussagen ein Grundniveau an Sorgfalt und Verantwortung an den Tag zu legen. Häufig hilft es schon, ein Problembewusstsein zu entwickeln und nach Methoden zu suchen, grobe Fehler zu vermeiden.

Was kann mensch tun?
Einen Leitfaden gibt es natürlich nicht. Trotzdem können schon einfache Überlegungen und Handlungen dabei helfen, die größten Missverständnisse und Fallstricke zu vermeiden. Sie alle setzen jedoch zwei Dinge voraus:

1. Mensch ist sich des allgemeinen Problems bewusst und akzeptiert es.
2. Mensch hat überhaupt ein Interesse daran, Kommunikationsschäden zu vermeiden.

Beide Punkte sind nicht selbstverständlich. Insbesondere der zweite Punkt ist kritisch und kann bei Nichterfüllung großen Schaden für die Umgebung verursachen. Sollten die Punkte jedoch erfüllt sein, kann mensch sich folgende Fragen stellen:

1. Aus welchem sprachlichen Umfeld stamme ich? Nutze ich Worte unbewusst in einem Kontext, der der Allgemeinheit so nicht zugänglich ist? Sollte ich eventuell eine Definition mitliefern? Ist mein Humor ohne Hintergrundwissen verständlich? Habe ich Ironie und Sarkasmus als solchen gekennzeichnet?

2. Stecken in meiner Nachricht ungenannte Einflüsse, die wichtig für die Interpretation sind? Bezieht sie sich auf eine konkrete Debatte? Habe ich alle relevanten Personen und Gruppen benannt? Kurz: Versteht man die Nachricht noch korrekt, wenn sie „aus dem Zusammenhang gerissen“ einer unbekannten Person auf einem Zettel gereicht wird?

3. Greife ich Gruppen oder Personen an, weil ich gerade emotional aufgeladen bin? Könnte sich eine Person zu Recht missverstanden fühlen? Gibt es mehrere Auslegungen für meine Botschaft? Für welche Zielgruppe spreche ich?

4. Wie immer hilft: Wichtige Texte vorher nochmal vertrauten Menschen zum Durchlesen geben. Am besten lässt man Menschen aus anderen Fachgebieten drüberlesen, die in anderen Gruppen verkehren. Auch mir hat es beim Verfassen dieses Artikels sehr geholfen, mit der @Faserpiratin eine Nichtmathematikerin zu konsultieren.

Und sollte es doch einmal zum schlimmstmöglichen Fall kommen, so sei gesagt, dass ein ernstgemeintes Entschuldigungangebot Wogen viel schneller glätten kann als eine langatmige Diskussion über die eigentliche Aussage der Botschaft aus Sicht der Senderin.

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